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E-Mail vom 29.08.2013

habe mir die Unterlagen mal angeschaut. Kann zwar mir noch kein abschließendes Bild machen, interessant ist die Idee allemal und wird sicherlich eine interessierte Öffentlichkeit finden.

Und da beginnt für mich ein Problem:

Der Titel des Projektes "Inszenierung" spiegelt eigentlich genau das wider, was unsere gegenwärtige Gesellschaft so kennzeichnet: den Voyeurismus!

Mir sind Ziel und Zweck des Projektes nicht erklärlich. Im Vordergrund der Erläuterungen stehen die Szenen, steht die Bildbetrachtung und das Zuschauen. Ich will mal die theatralischen Projektbausteine außer Acht lassen, spannend und dringlich allerdings werden die Themen "Hospiz" sowie "Tod und Leben-Leichenschmaus".

Der Tod ist in allen Kulturkreisen eben nicht das Ende des bekannten Lebens, sondern die Verstorbenen und die Lebenden sind verbunden in einer Erinnerungsgemeinschaft, die die personale Würde der Toten über den Tod hinaus bekundet. Der Tod und die Trauer um den Verlust eines nahen Menschen haben immer schon zu emotionalen Erschütterungen führen können. Psychologische Interpretationen stellen heraus, dass erst der Ritus, die regelmäßig wiederkehrende Handlung des Abschieds und der Bestattung diesen sozialen und emotionalen Übergang erträglich werden lässt. Ethnologen nennen das „rites de passage“, sog. Übergangsriten, wie sie aus zahlreichen Kulturkreisen bekannt sind und beispielhaft beschrieben wurden. Die soziologische Deutung stellt heraus, wie seit Jahrhunderten Leben und Tod eng miteinander verknüpft sind. Die gesellschaftlichen Veränderungen haben sich gewandelt, was selbstverständlich auch in den Bestattungsriten widergespiegelt wird. Die Behandlung des Verstorbenen ist häufig nur noch eine technisch-organisatorische Beseitigung. Die rituelle Anteilnahme von Angehörigen, Nachbarn und anderen Mitmenschen ist reduziert worden auf die Geste nach der Trauerfeierlichkeit.

An dieser Stelle einzuhaken, das Projekt auszurichten am gesellschaftlichen Umgang mit Trauer, Tod und Bestattungskultur, die Fragen zu stellen nach den Grenzen des Lebens und den Grenzen der Medizin, der sozialräumlichen Funktion des Friedhofs und der anonymen Flucht zwischen die Bäume eines Friedwaldes, nach dem Voyeurismus des Öffentlichen und dem Trost im Privaten ... Und dann gibt es da noch das fremde Sterben, die Bestattungskultur der hiesigen Muslime, die Trauer um den in ferner (türkischer) Erde bestatteten Menschen.

Mir fehlt es etwas an Tiefenschärfe. Den Anspruch von Thomas Brenner einer "genau definierten Geschichte/ Stellungnahme" kann ich nicht erkennen. Vielleicht bedarf es eines Gespräches. Aber ich befürchte, dass Szenerie schon ausgeleuchtet ist, dass der Aktionismus bereits rollt und die Ästhetik der Bilder die Motivation unaufhaltsam vorantreibt.

Solltest Du meinen, dass trotz meiner Bedenken noch was notwendig ist, sage mir Bescheid. Was mir wichtig erscheint ist ein Angebot zur Trauerarbeit, das Überwinden von Fassungslosigkeit und Sprachlosigkeit im Angesicht von Sterben und Tod, ein Modell und die Kultur von Erinnerungsgemeinschaft ("Leichenschmaus"), vor allem aber alles jenseits professioneller und gefühliger Bestattungsunternehmer und Trauerredner!